Mangelernährung? Dabei denken viele zuerst an hochbetagte, sehr dünne Menschen. Doch so einfach ist es nicht. Auch jüngere Menschen mit chronischen Erkrankungen, Krebs, Magen-Darm-Problemen oder anhaltenden Schmerzen können betroffen sein. Und selbst Übergewicht schützt nicht davor, dass dem Körper Energie, Eiweiß oder andere wichtige Nährstoffe fehlen.
Besonders tückisch: Mangelernährung entwickelt sich häufig schleichend. Ein paar Kilo weniger werden zunächst vielleicht gar nicht bemerkt – oder sogar begrüßt. Problematisch wird es, wenn mit den Pfunden auch Muskelmasse, Kraft und Leistungsfähigkeit verschwinden.
Ältere Menschen tragen tatsächlich ein besonders hohes Risiko. Doch krankheitsbedingte Mangelernährung kommt in nahezu allen Altersgruppen und medizinischen Fachgebieten vor.
Manchmal schmeckt das Essen plötzlich nicht mehr. Ein Infekt zieht sich hin, Schmerzen nehmen den Appetit oder Medikamente verändern Geschmack und Verdauung. Nach einer Operation fällt das Essen schwer, bei schweren Erkrankungen kann gleichzeitig der Energie- und Eiweißbedarf steigen. Auch Kau- und Schluckprobleme, Depressionen oder soziale Isolation spielen eine Rolle.
Oft ist es nicht ein einzelner Auslöser, sondern eine Mischung aus mehreren Faktoren.
Gerade bei älteren Menschen lohnt sich deshalb ein genauer Blick auf den Speiseplan. Denn während der Energiebedarf mit zunehmendem Alter meist sinkt, bleibt der Bedarf an vielen Nährstoffen bestehen. Mehr dazu lesen Sie in unserem Beitrag über ausgewogene Ernährung und Wohlbefinden im Alter.
Ein paar Tage mit wenig Hunger steckt ein gesunder Körper meist problemlos weg. Kritisch wird es, wenn daraus Wochen werden.
Gerade ältere Menschen geraten dann schnell in einen Teufelskreis: Sie essen weniger, verlieren Gewicht und Muskelmasse, bewegen sich weniger und verbrauchen dadurch zwar weniger Energie – werden aber gleichzeitig immer schwächer.
Hinzu kommt ein scheinbarer Widerspruch: Mit zunehmendem Alter sinkt häufig der gesamte Energiebedarf. Der Bedarf an wichtigen Nährstoffen nimmt jedoch nicht automatisch im gleichen Maß ab. Wer dauerhaft nur kleine Mengen isst, kann deshalb trotz geringeren Kalorienbedarfs schnell zu wenig Eiweiß, Vitamine und Mineralstoffe aufnehmen.
Müdigkeit oder fehlender Antrieb können viele Gründe haben. Deutlich auffälliger ist ein Gewichtsverlust, der weder geplant noch gewünscht war.
Auch kleiner werdende Essensportionen, nachlassende Muskelkraft, häufiger auftretende Infekte, schlechte Wundheilung sowie Kau- oder Schluckprobleme sollten ernst genommen werden.
Dass ungewollter Gewichtsverlust medizinisch eine wichtige Rolle spielt, zeigen auch die international verwendeten GLIM-Kriterien zur Diagnose von Mangelernährung. Neben Gewichtsverlust gehören ein niedriger BMI und eine verringerte Muskelmasse zu den körperlichen Kriterien. Als mögliche Ursachen werden unter anderem eine verminderte Nahrungsaufnahme sowie Erkrankungen mit Entzündungsreaktionen berücksichtigt.
Wichtig dabei: Mangelernährung lässt sich nicht allein am BMI festmachen. Auch ein Mensch mit Übergewicht kann bereits erheblich an Muskelmasse verloren haben und gleichzeitig unzureichend mit wichtigen Nährstoffen versorgt sein.
Der Körper braucht Eiweiß unter anderem für Muskeln, Organe, Enzyme und zahlreiche Stoffwechselvorgänge. Gerade im höheren Alter bekommt das Thema zusätzliche Bedeutung, weil Muskelmasse ohnehin leichter verloren geht.
Die ESPEN-Leitlinie zur klinischen Ernährung im Alter empfiehlt älteren Menschen grundsätzlich eine ausreichende Energie- und Nährstoffversorgung und sieht mindestens etwa 1 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht und Tag als Orientierung. Bei akuten oder chronischen Erkrankungen kann der individuelle Bedarf darüber liegen.
Das bedeutet nicht, jeden Tag Eiweißmengen nachzurechnen. Entscheidend ist vielmehr, regelmäßig eiweißreiche Lebensmittel einzuplanen – beispielsweise Milchprodukte, Eier, Fisch, Fleisch, Hülsenfrüchte, Tofu oder andere geeignete pflanzliche Eiweißquellen.
„Du musst einfach mehr essen“ – dieser gut gemeinte Rat hilft bei Appetitlosigkeit selten.
Ein riesiger Teller kann sogar abschreckend wirken. Oft funktioniert es besser, mehrere kleine Mahlzeiten über den Tag zu verteilen und diese gezielt mit Energie und Eiweiß anzureichern.
Joghurt oder Quark, etwas Käse oder Ei zum Brot, Nüsse und Nussmus, Hülsenfrüchte oder ein zusätzlicher Schuss hochwertiges Pflanzenöl können aus einer kleinen Portion eine deutlich gehaltvollere Mahlzeit machen.
Auch die ESPEN-Leitlinie empfiehlt bei älteren Menschen mit Mangelernährung oder entsprechendem Risiko zunächst Maßnahmen wie Ernährungsberatung, angepasste Lebensmittel, angereicherte Mahlzeiten und Zwischenmahlzeiten. Die Ernährung sollte dabei individuell an Erkrankungen, Vorlieben und mögliche Kau- oder Schluckprobleme angepasst werden.
Bei Mangelernährung geht es keineswegs nur um einige Kilogramm Körpergewicht.
Verliert der Körper zunehmend Muskelmasse, wird der Alltag anstrengender. Treppensteigen fällt schwerer, das Aufstehen aus einem Sessel kostet mehr Kraft und das Sturzrisiko kann steigen.
Dass eine gezielte Ernährungstherapie klinisch einen Unterschied machen kann, zeigte unter anderem die große EFFORT-Studie zur individuellen Ernährungstherapie bei Krankenhauspatienten mit Ernährungsrisiko. In der randomisierten Studie mit mehr als 2.000 Patientinnen und Patienten reduzierte eine individuell auf Energie- und Eiweißziele abgestimmte Ernährungstherapie gegenüber der üblichen Versorgung das Risiko ungünstiger klinischer Verläufe.
Ernährung ist allerdings nur ein Teil der Strategie. Gerade im höheren Alter trägt auch Bewegung dazu bei, Muskelkraft und Selbstständigkeit möglichst lange zu erhalten. Wie wichtig Aktivität selbst im hohen Alter sein kann, zeigt unser Beitrag über mehr Lebensqualität durch Bewegung im Alter.
Manchmal reichen energiereiche Mahlzeiten, Zwischenmahlzeiten und eine gezielte Anreicherung der normalen Ernährung trotzdem nicht aus.
Dann kann medizinische Trinknahrung eine sinnvolle Ergänzung sein. Sie liefert auf relativ kleinem Volumen viel Energie und meist auch Eiweiß sowie weitere Nährstoffe. Die ESPEN-Leitlinie zählt solche oralen Nahrungssupplemente zu den möglichen Maßnahmen bei älteren Menschen mit bestehender oder drohender Mangelernährung.
Trinknahrung sollte jedoch nicht vorschnell zur Standardlösung werden. Entscheidend ist zunächst die Frage, warum jemand zu wenig isst und ob die Ursache behandelt werden kann.
Bei medizinischer Notwendigkeit kann bilanzierte Trinknahrung zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnet werden.
Voraussetzung ist allerdings, dass eine ausreichende normale Ernährung nicht möglich ist und Maßnahmen wie eine Anpassung oder Anreicherung der normalen Ernährung sowie ärztliche, pflegerische oder ernährungstherapeutische Unterstützung nicht ausreichen.
Diese Voraussetzungen beschreibt der Gemeinsame Bundesausschuss zur Verordnungsfähigkeit enteraler Ernährung. Ein automatischer Anspruch besteht allein aufgrund von Gewichtsverlust also nicht.
Wenn jemand ohne erkennbare Absicht immer weiter abnimmt, sollte man nicht monatelang zusehen.
Das gilt besonders dann, wenn gleichzeitig Appetitlosigkeit, zunehmende Schwäche, Schluckbeschwerden, Schmerzen oder eine chronische Erkrankung bestehen.
Erste Anlaufstelle ist meist die Hausärztin oder der Hausarzt. Dabei sollte nicht nur das Gewicht betrachtet werden. Wichtig ist vor allem die Frage: Warum wird zu wenig gegessen – oder warum kann der Körper die aufgenommene Nahrung nicht ausreichend nutzen?
Manchmal steckt hinter dem vermeintlich „schlechten Esser“ eine behandelbare Ursache. In anderen Fällen hilft bereits eine gezielte Ernährungsberatung, kleine Mahlzeiten so zusammenzustellen, dass sie deutlich mehr Energie und Nährstoffe liefern.
Denn bei Mangelernährung zählt am Ende nicht, wie voll der Teller aussieht – sondern ob der Körper bekommt, was er braucht.
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